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Durchs wilde Kurdistan...

Zwischen 25 und 30 Millionen Menschen bilden die Ethnie der Kurden. Das Siedlungsgebiet erstreckt sich dabei über die Gegend im Raum Nordost Syrien, Ost Türkei, West Iran und Nord Irak. Nicht in allen Ländern als offizielle Minderheit oder gar Mehrheit anerkannt, kämpfen die Kurden seit Jahrhunderten für die Anerkennung dieses Status bzw. für Unabhängigkeit und politische Autonomie. Im Machtvakuum der Post- Saddam- Ära und nach erfolgreichem Zurückdrängen des IS Terrors durch die Allianz der Peshmerga und PUK Truppen, konnte sich im Irak die Autonome Provinz der Kurden bilden.

Nach wie vor ist die Sicherheitslage in Irak Kurdistan volatil, das steht ausser Frage. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man sich hier nicht sicher fühlen kann. Offiziell befindet man sich zwar auf irakischem Boden; Kurdistan versucht sich jedoch als eigenständigen Staat mit weitreichenden autonomen Befugnissen zu etablieren. Es hat eine eigene Regierung, Verwaltung und Exekutivkräfte. Laut Auswärtigem Amt ist die Region immerhin eine der sichersten der Gegend und im Gegensatz zur türkisch- kurdischen Region, herrscht hier Selbstbestimmung und dadurch auch Frieden. Vermehrt richten sich Ausländische Vertretungen in Erbil ein, eine Art Hauptstadtstimmung stellt sich ein.

Die Einreise nach Irak- Kurdistan ist problemlos möglich, dass Visa berechtigt jedoch nicht zur Weiterreise in das restliche irakische Staatsgebiet. Viele Checkpoints und die dauerhafte Präsenz der Staatsmacht, sichern den Frieden erfolgreich. Einen großen Unsicherheitsfaktor vor dem auch wir im Vorfeld bedenken hatten, stellen die vereinzelten Minenfelder im Land dar. Zwar gibt es Minenkarten, man weiß wo Kampfhandlungen stattfanden und kann dementsprechend Rückschlüsse ziehen, doch ob dies für eine hundertprozentige Sicherheit ausreicht, bleibt fraglich. In der Grenzregion zur Türkei operiert die PKK, hier sollte man, um unnötige Unruhen zu vermeiden, einen größeren Bogen machen.


Erste Station für die meisten Reisenden aus der Türkei kommend, ist die Grenzstadt Zakho.

Bereits hier zeigt sich die Diversität dieser Region. Muslime und Christen, Jesiden und Juden leben hier seit Jahrtausenden Tür an Tür. Symbolisch wird dieser Brückenschlag wohl am Besten durch die Pira Delal repräsentiert. Ein Bogenbau, der allem anschein nach, auf römische Fundamente zurückgeht. Hier gab es für uns die erste Teepause nach aufregenden oder vielmehr ermüdenden Stunden an der Grenze mit dem üblichen Papier- Prozedere.


Für uns stellten neben Saddam Hussein, IS Terror oder mit wohlwollen, dass ein oder andere orientalischen Märchen das in Bagdad spielt, vor allem Öl ein Ankerpunkt an den Irak dar.

Dabei stellte die Region nördlich von Erbil einst die Kornkammer Mesopotamiens dar. Der vom Krieg immer wieder in Mitleidenschaft gezogene Agrarsektor des Landes erholt sich jedoch nur langsam. Auch wenn die kurdische Regierung immense Summen in den Tourismussektor investiert hatte, stellt Öl mit Abstand die Haupteinnahemequelle der Region dar.


So entstehen auch die neuen oder immer schwelenden Konfliktherde um diesen Rohstoff.

Aktueller Zankapfel der autonomen Region, welche sie mit dem Mutterland Irak führt, ist das Kirkuk- Megaölfeld. So war die Stadt, welche als Hauptstadt des kurdischen Baban- Reiches galt, bereits zu Saddams Zeiten begehrt. Der Diktator zeigte sich wenig zimperlich und vertrieb kurzerhand die viertelmillion Kurden, welche in der Stadt siedelten, um sie mit Arabern neu zu besiedeln. Mittlerweile wird Kirkuk als heimliche Hauptstadt Kurdistans gehandelt. Nach wie vor geht es dabei jedoch um die Sicherung des nahegelegenen Ölfeldes.


Eines der Hauptanbaugebiete für Obst und Gemüse ist die Region um Mossul, in welcher der Tigris aufgestaut wird. Um in trockenen Ebenen den bewässerungsintensiveren Anbau gewährleisten zu können, werden Automotoren zu Pumpen umgebaut, die den ganzen Tag über das kühle Nass auf die Felder bringen. Über saftige Wiesen auf schlammigen Grund freuen sich natürlich auch die hier ansässigen Hirten, so können sie ihr Vieh auf den Weiden grasen lassen.


Verstehen sollte man im erschwerten demokratischen Prozess auch die über Jahrhunderte gewachsenen Clanstrukturen, welche nach wie vor in der Gesellschaft Kurdistans omnipräsent sind. So werden die Geschicke des Landes zwar hochoffiziell gewählt, der überwiegende Teil der Repräsentanten entstammt jedoch zweier Familien der Oberschicht ab. Die Autonome Region teilt sich in vier eigenständige Departements auf, wobei das Departement Halabdscha erst kürzlich aus dem Süleimanias hervorgegangen ist. Auch hier zeigt sich erneut, dass die Strukturen im Land durchaus als dynamisch bezeichnet werden können.


Erbil die aktuelle Hauptstadt des Kurdischen Staates, blickt auf eine achttausend Jahre alte Siedlungsgeschichte zurück. Keimzelle dieser Siedlung und Zentrum der Stadt, bildet nach wie vor die auf einem Hügel trohnende Zitadelle. Von hier hat man einen guten Blick über die einzelnen Stadtviertel und kann sich einen ersten Überblick verschaffen, bevor man sich ins bunte Treiben stürzt. Leider wirkt die Zitadelle selbst eher wie eine Großbaustelle. An allen Stellen wird saniert und konserviert. Man erfährt, dass alle Familien die hier gewohnt haben umgesiedelt wurden, um die Bausubstanz aufzufrischen. Alle Familien bis auf eine, da sonst ja die kontinuierliche Besiedlungsgeschichte unterbrochen wäre.


Eine der Sehenswürdigkeiten innerhalb der Zitadelle bildet das Kurdische Teppich Museum.

Endlich bekommen wir zu Gesicht, was wir in der ganzen Türkei stets gesucht haben. Dumm nur, das dieses Teppiche nicht zum Verkauf stehen.


Offensichtlich schlaucht der berühmte Qaysari Bazar im Zentrum der quirligen Metropole auch echte Erbiler. So wundern wir uns nicht, dass wir abends schon früh ins Bett fallen.


So manch einer unserer Reisetruppe scheint sich schon mal mit den örtlichen Begebenheiten anzufreunden und denkt dabei über eventuelle zukünftige Jobangebote nach.


Grüße gehen dabei an den "Deutschen Hof" und die "Deutsche Schule in Erbil"; Welche uns heimatliche Gefühle in der Ferne verspüren ließen.


Stellt Erbil die Verwaltungshauptstadt der kurdischen Region dar, so scheint Süleymania die kulturelle Hauptstadt Kurdistans zu sein. Neben Bars und Diskotheken, Musik, Dichtung und Kunst sind es auch die Museen die die Stadt auszeichnen. Wer mal dort war, wird allerdings schnell merken, die Stadt ist vor allem auch ein riesiger offener und quirliger Basar. Wirklich genießen konnten wir die Zeit in der Stadt jedoch nur bedingt. Schuld daran war der immerhin siebte Sandsturm in einem Monat der im Irak gewütet hatte. Die Luft war stickig und grau, das Atmen unangenehm und staubig. Dabei traf es uns noch verhältnismäßig mild, in Städten wie Bagdad und Kirkuk wurden die Menschen angewiesen ihre Häuser nicht zu verlassen. Immer wieder wird uns dieses Phänomen jetzt begleiten, die zunehmende Desertifikation durch Klimawandel und Wassermissmanagement tun ihr Übriges zur Sache.


Eine schaurige Besonderheit stellt in der Museumslandschaft Süleymanias das Amnasuraka Museum dar. Es wurde im ehemaligen Roten Gefängnis Saddam Husseins eingerichtet und soll an die Schrecken erinneren, die den Kurden unter dessen Herrschaft widerfahren sind. So werden hier nicht nur Foltermethoden und Instrumente dargestellt, sondern vor allem auch an Genozid und Vertreibungen erinnert. Der schrecklichen Anfal Kampagnen mit denen Hussein Terror und Schrecken über die Region brachte und den Giftgasangriffen auf Halabdschah, werden besonderes Augenmerk zugeteilt. Den vielen Kämpfer der Peshmerga und der PUK Kräfte, wird verständlicher Weise auch gedacht. So haben sie schließlich das Land nicht nur von Saddam befreit, sondern auch erfolgreich den IS in Irak und in Syrien zurückgedrängt. So ist das Museum Mahnmal und Erinnerungsort zugleich, jedoch auch Begegnungsstätte und Informationszentrum. Die Tragik und beklemmende Atmosphäre des gesamten Areals, gibt dem Museum eine besondere Bedeutungsschwere.


Das Kurdistan kein klassisches Reiseland darstellt, wird einem auch dadurch bewusst,

dass man auch mal vom Tourismusminister des Governoments zu Tee und Gebäck eingeladen wird. Dabei wollten wir doch einfach nur eine Karte und ein wenig Infomaterial. Der Minister hat es sich jedoch nicht nehmen lassen, mit uns persönlich zu plaudern, wohnt schließlich ein Großteil seiner Familie in Deutschland.


Wir sind überwältigt von der bedingungslosen Gastfreundschaft, die uns in den letzten Tagen hier entgegengebracht wurde. Stets sind helfende Hände bereit einen zu unterstützen, Wünsche werden einem von den Augen abgelesen. Alles wirkt dabei wenig aufdringlich und absolut zuvorkommend. Obwohl oder gerade wegen dem Schicksal, das die Kurden über sich ergehen lassen mussten, zeigt sich uns diese Region, wie zum Trotz, mit absoluter Offenheit und überschwenglicher Wärme. Nie haben wir uns unwohl gefühlt, statt dessen wurde uns unglaublich viel Herzlichkeit und Gastfreundschaft entgegengebracht. Man merkte, wie wichtig es den hier Lebenden ist, uns nicht nur klar zu machen, dass wir willkommen sind, sondern wir wurden als Freunde ihrer Kultur begriffen und wie solche auch behandelt.

Gerne denken wir zurück an die vielen herzlichen Begegnungen und hoffen weiterhin auf Stabilität und Prosperität, damit die Menschen in Kurdistan in Frieden, Eintracht und Selbstbestimmung leben mögen.

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